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Wie ein neues Konzept den Blick auf die Arbeit mit KI verändert

  • 03.12.2025
  • Forschung
Gesicht im Hintergrund von einem digitalen Netz.
© AdobeStock.denisismagilov

Digitale Intelligenz trifft menschliches Denken: Ein Blick in die Zukunft der Wissensarbeit.

Prof. (FH) Dipl.-Inform. Karsten Böhm erforscht an der FH Kufstein Tirol, wie Menschen und KI gemeinsam Wissen erschaffen. Sein Konzept der Humanized Interaction Fields definiert den Dialog zwischen Mensch und Maschine radikal neu.

Wie kann künstliche Intelligenz zum echten Partner in der Wissensarbeit werden – und nicht bloß zum Lieferanten von Antworten? Diese Frage steht im Zentrum der aktuellen Forschung von Prof. (FH) Dipl.-Inform. Karsten Böhm, Professor für Wirtschaftsinformatik an der FH Kufstein Tirol. Gemeinsam mit Prof. Dr. Susanne Durst von der Reykjavík University verfasste er das Paper Collaborative GenAI – Humanized Interaction Fields for Knowledge Creation, in dem sie ihr Konzept der Humanized Interaction Fields (HIF) vorstellen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentierten die beiden anschließend auf der renommierten European Conference on Knowledge Management (ECKM).

Das Modell beschreibt eine neue Form der Interaktion zwischen Mensch und Maschine: eine kollaborative Beziehung, in der beide Akteure Wissen gemeinsam erschaffen, statt nur auf Knopfdruck Ergebnisse zu produzieren. Böhm vergleicht diese Zusammenarbeit mit sogenannten Cobots – kollaborativen Robotern, die in der Industrie Hand in Hand mit Menschen arbeiten. Im digitalen Raum übernehmen diese Rollen Mensch und KI: Sie teilen sich einen gemeinsamen Arbeitsbereich, der auf natürlicher Sprache basiert. „Unsere Sprache wird zum verbindenden Element der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine, das Vertrauen und Verständnis aufbaut“, erklärt Böhm.

Dieser Perspektivenwechsel ist zentral. Während herkömmliche KI-Systeme oft als Werkzeuge verstanden werden, rückt das HIF-Konzept die Maschine als aktiven Mitgestalter ins Zentrum. Generative KI-Modelle werden damit nicht mehr als reine Rechenmaschinen betrachtet, sondern als kognitive Assistenten, die Prozesse der Ideenfindung, Problemlösung und Wissensentwicklung begleiten. Das Ziel sei eine menschzentrierte künstliche Intelligenz, die sich auf die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Lernprozesse ihrer Nutzer:innen einstellt – anstatt diese zu ersetzen.

Wissen entsteht im Miteinander

Besonders spannend: HIFs verstehen Wissensarbeit als wechselseitigen Lernprozess. Während Menschen durch den Austausch mit KI neue Perspektiven gewinnen, lernt die KI gleichzeitig aus den Interaktionen. So entsteht ein dynamisches Feld, in dem Wissen nicht einfach generiert, sondern gemeinsam ko-evolviert – also im Zusammenspiel weiterentwickelt wird.

Das bedeutet: Der Mensch profitiert von der Geschwindigkeit, Strukturiertheit und Mustererkennung der KI, während die KI durch die Rückmeldungen, Formulierungen und Entscheidungen der Nutzer:innen besser einschätzen kann, wie Wissen kontextualisiert und für menschliche Lernprozesse nutzbar gemacht wird. Böhm beschreibt diesen Dialog als „eine Art Kreislauf aus Fragen, Antworten, Korrekturen und neuen Impulsen“, in dem beide Seiten voneinander profitieren.

Ein Beispiel: Wenn eine Person eine komplexe Aufgabenstellung mit einem KI-System diskutiert, führt der iterative Austausch nicht nur zu einer Lösung, sondern zu einem tiefgreifenderen Verständnis der Fragestellung. Die KI spiegelt die Gedanken zurück, strukturiert sie und bietet alternative Perspektiven. Gleichzeitig lernt sie durch diese Interaktion, wie der Mensch kontextabhängig denkt, bewertet und formuliert. Auf diese Weise entsteht ein sich ständig weiterentwickelnder Wissensraum – ein Humanized Interaction Field.

Zwischen Unterstützung und Selbstlernen

Doch Böhm warnt auch davor, sich zu sehr auf die vermeintliche Bequemlichkeit der Maschinen zu verlassen. „Wie beim Training eines Muskels darf KI uns nicht alles abnehmen – sonst verlernen wir selbst, kritisch zu denken“, betont er. Er vergleicht das mit einem Exoskelett: Es kann Kraft verstärken, aber wenn es dauerhaft die Arbeit übernimmt, bildet der Körper Muskelschwund.

Das gilt auch für den Geist. HIFs sollen daher den menschlichen Denkprozess unterstützen, aber nicht ersetzen. Ziel ist eine Balance: genug Unterstützung, um produktiv zu sein – aber nicht so viel, dass der Lern- oder Erkenntnisprozess verkümmert. Böhm nennt das „positive kognitive Verstärkung“, bei der KI das Denken anregt, anstatt es zu verkürzen.

Ein neuer Blick auf Wissensmanagement

Mit dieser Forschung greift Böhm zentrale Fragen des modernen Wissensmanagements auf. Seine Arbeit knüpft an bestehende Modelle – wie das SECI-Modell von Nonaka und Takeuchi – an, das den Wissensaufbau als Wechselspiel von implizitem und explizitem Wissen beschreibt. Das HIF-Konzept erweitert diesen Ansatz, indem es KI als gleichwertigen Akteur in diesen Kreislauf integriert. Die Weiterentwicklung des Modells ist das Generative Responsive Artificial Intelligence (GRAI), die in einer weiteren Publikation beschrieben wird.

Wenn wir KI-Systeme so gestalten, dass sie menschliche Fähigkeiten erweitern statt ersetzen, schaffen wir die Grundlage für eine wirklich nachhaltige Wissensgesellschaft.

Karsten Böhm

Professor (FH) für Wirtschaftsinformatik

So entsteht ein neues Paradigma: Wissen wird nicht mehr nur in Organisationen oder Teams geteilt, sondern in hybriden Systemen, in denen Mensch und Maschine ein gemeinsames Verständnis aufbauen. Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen – etwa für Bildung, Unternehmensführung oder Forschung.

„Wenn wir KI-Systeme so gestalten, dass sie menschliche Fähigkeiten erweitern statt ersetzen, schaffen wir die Grundlage für eine wirklich nachhaltige Wissensgesellschaft“, so Böhm. Dabei geht es auch um Ethik und Verantwortung: um Fragen des Vertrauens, der Transparenz und der Kontrolle über automatisierte Entscheidungsprozesse.

Menschlich denken – technologisch handeln

Das Ziel von Böhm und Durst ist es, das theoretische Modell nun in der Praxis zu erproben. Künftige Forschungsprojekte sollen untersuchen, wie HIFs in realen Lern- und Arbeitssituationen wirken – etwa im Hochschulkontext oder in wissensintensiven Unternehmen.

Damit leistet die FH Kufstein Tirol einen wichtigen Beitrag zum internationalen Diskurs über den verantwortungsvollen Einsatz von KI. „Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die das Verhältnis von Mensch und Technologie grundlegend verändert“, sagt Böhm. „Umso wichtiger ist es, dass wir diesen Wandel menschlich gestalten – mit Empathie, Kreativität und wissenschaftlicher Neugier.“

 

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